Lebt denn der alte Serotoninja noch…?

Ja, er lebt noch! 😉 Auch wenn ich laaaaaange nichts geschrieben habe. Mir geht es aktuell soweit ganz gut. Mal bessere, mal weniger gute Tage. Aber das ist ja quasi normal. Mein Hauptproblem ist weiterhin, dass ich jeder kleinen Gefühlsregung zu viel Bedeutung schenke und diese dann immer direkt irgendwie interpretiere. Da ist also noch Verbesserungspotential vorhanden. Ich arbeite daran…

Bei meinem Psychologen habe ich das angesetzte Kontingent erst mal aufgebraucht. Und da wir gemeinsam zu dem Entschluss kamen, dass ich zur Zeit keine wöchentlichen Termine mehr brauche, bin ich da erst mal mit durch. Naja, fast. 🙂 Er bot mir an, noch eine sog. Nachsorge durchzuführen. D.h., sporadische Termine im mehrwöchigen Abstand. Den ersten Termin habe ich dann auch erst mal verpennt. Das ist mir vorher noch nie passiert und war auch echt unangenehm. Aber er hat mir verziehen. ;P

Apropos unangenehm. Der letzte Termin bei meiner Neurologin war zum Teil auch etwas peinlich. Das Einzige, was ich zu beklagen hatte, war meine nach wie vor vorhandene Libido-Problematik. Ich muss zugeben, dass es mir selbst in dieser aufgeklärten Welt nicht leicht fällt, darüber zu sprechen. Sie fragte mich dann, ob ich schon mal über Viagra nachgedacht hätte, was ich verneinte und ihr zu verstehen gab, dass ich nicht besonders scharf (lustig in diesem Zusammenhang) darauf bin, noch mehr bunte Pillen in mich reinzustopfen. Daraufhin empfahl sie mir, es doch vielleicht mal mit „stimulierenden Filmchen“ zu probieren. Das war echt strange irgendwie. Dazu habe ich dann auch nur noch gesagt, dass ich das ja tatsächlich mal testen könnte. (Als ob ich das nicht längst getan hätte. 😀 )

Da mein „Zustand“ aber davon abgesehen seit langem stabil ist, haben wir vereinbart, im Frühjahr die Venlafaxin Dosierung langsam zu reduzieren. Aktuell bin ich bei 150mg/tgl., die Reduzierung wird dann in 37,5mg-Schritten erfolgen. Ich sehe dem Ganzen mit Spannung, aber gleichzeitig auch mit Angst entgegen. Mein Glas ist leider immer halbleer, wodurch ich zwangsläufig denke „wenn die Medis runtergeschraubt werden, kann es ja nur wieder schlechter werden. Ist doch logisch“. Ich weiß, dass das der falsche Ansatz ist. Aber leider kann ich’s nicht abstellen. Erfahrungsbericht folgt dann.

Ich habe mir vorgenommen, wieder häufiger zu schreiben. Versprechen kann ich’s aber nicht. 😉

Ich wünsche allen Lesern eine schöne Vorweihnachtszeit.

Keep on fighting, Ninjas!

Aus dem Schoß der Psychose

In einem Meer voller Zweifel, musst du dich frei schwimmen,
ins kalte Wasser springen, niemand wird’s dir beibringen,
dein Seepferdchen machst du heute ganz alleine,
Schweiß und Blut und Tränen sind das eine,
Und das andere was so wichtig ist hält den Scheiß zusammen,
Karma und Wörter haben Körper und Geist gefangen,
Ein kleiner Mann auf dem Weg durch die Nacht,
Bin nicht weit gekommen doch ohne euch hätt‘ ich’s nicht geschafft. (Lakmann)

 

Ein bisschen wie Lt. Commander Data

Nach etwas längerer Pause habe ich heute mal wieder Lust zu schreiben. Ich war mir in den letzten Wochen nicht  mehr so richtig sicher, ob mir das Bloggen wirklich hilft, oder eher Dinge wieder aufleben lässt, die ich eigentlich gar nicht gebrauchen kann. Wie auch immer, jetzt gerade fühlt es sich gut an, wieder zu schreiben.

Kennt ihr den Film „Berlin Calling“ mit Paul Kalkbrenner? Er sagt da einen Satz, den ich 1:1 so übernehmen und auf mich selbst projizieren kann. Dieser Satz bezieht sich auf die Einnahme von Psychopharmaka und lautet: „Die Dinger hauen dir voll die Höhen und Tiefen weg.“ (zumindest sinngemäß, den ganz genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr) „Die Dinger“ verhindern sowohl den Absturz in die tiefe Depression und leider auch (oft) die Fähigkeit richtig Freude zu empfinden. Ich bin irgendwie die meiste Zeit auf einer Art emotionalen Mitte unterwegs. Naja, es gibt durchaus auch mal Situationen, in denen ich herzlich lachen kann oder mich über Dinge freue. Aber sehr oft ist es so, dass ich bestimmte Situationen, in denen ich normalerweise in irgendeiner Form emotional reagiert hätte, neutral (ich will nicht die ganze Zeit emotions… schreiben) hinnehme. Daher die Überschrift „Ein bisschen wie Lt. Commander Data“, der Android aus Star Trek, der nicht fähig ist (mit Ausnahme einiger Folgen, in denen er einen Emotions-Chip eingebaut bekommt) zu Fühlen, sondern stets „innerhalb normaler Parameter“ funktioniert. Data war immer mein Lieblingscharakter bei Star Trek, allerdings hätte ich nicht gedacht, dass ich mal sein Erbe antreten werde. 🙂

Wie gesagt, es gibt auch mal Momente der Freude. Dann allerdings bremse ich mich selbst und denke „Stop! Du hast Depressionen. Du kannst gar nicht solche Freude empfinden.“ Als würde ich mir selbst verbieten, glücklich zu sein. Total bekloppt. Aber ich kann nichts dagegen tun. Irgendwie kommt es mir grad vor, als hätte ich das schon in einem früheren Blog geschrieben. Seht es mir nach, falls es so ist.

Unter’m Strich geht es mir um Welten besser als vor einem Jahr zu diesem Zeitpunkt, als ich wirklich völlig am Ende war. Wie war das? „Wir müssen Geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang…“.

Es tat gut, wieder ein wenig zu schreiben.

Keep on fighting Ninjas! 😉

VenlaFUCKxin, ein Erfahrungsbericht

Start Juli 2015

Venlafaxin 12,5mg tgl.

Mirtazapin 15mg tgl.

Promethazinneurexapharm 20 Tropfen bei Bedarf (bis zu 3 x tgl.)

 

Stand Mai 2016

Venlafaxin 150mg tgl.

Mirtazapin 15mg tgl.

Promethazinneurexapharm 20 Tropfen bei Bedarf (seltener als  1 x wöchentl.)

 

Nebenwirkungen:

Erektionsstörungen (beim Ficken blöderweise stärker als beim Wichsen. Umgekehrt wär’s mir lieber. Liegt wohl am psychischen Druck)

Gewichtszunahme. Meine Klinikkumpanen hatte mich ja schon darauf vorbereitet. Unvergessen unsere Fressorgien auf dem Zimmer. Wenn es hieß „kommt noch einer mit zum Automaten?“. Chips, M&Ms, Flips, Cola, Schokolade etc… Das war teilweise schon echt nen bisschen wie auf Klassenfahrt.

Nehme ich die Mirta abends zu spät (soll ich ca. ne halbe Stunde vor dem Schlafen nehmen), bzw. gehe ich zu spät ins Bett, bin ich morgens im Büro immer so bis ca. 9 Uhr völlig Matsche. Was allerdings nicht allzu tragisch ist, da mein Chef nie vor 9 Uhr da ist. 🙂

 

Dieser Beitrag ist spontan entstanden, da ich nen bisschen zum Thema Antidepressiva Dr. Google bemüht habe. Hab da auch was interessantes über die sehr positive Wirkung von Ketamin bei Depressionen gelesen. Vielleicht steige ich mal um. Mal sehen, was meine Neuro-Tante davon hält. ;P

And friday I’m in…

Ein Freitag im Mai. Es geht auf den Feierabend und das Wochenende zu und ich sitze in einer (wie ich finde meist sinnlosen) Besprechung. Anfangs alles bestens. Der Chef hält seinen typischen Monolog. Alle nicken brav und bestätigen seine Aussagen weitestgehend. Wie aus dem nichts trifft mich ein Hammerschlag. Von einer Sekunde auf die nächste herrscht in mir das Gefühl der totalen Leere. So krass hatte ich es vorher nie erlebt. Ich kann das auch einfach nicht wirklich erklären. Nachvollziehen kann man das eh nur, wenn man ähnliches erlebt hat. Nur irgendwie die letzten Minuten rumkriegen. Unauffällig. Aber eigentlich war mir auch alles völlig egal. Hoffentlich geht dieses ungewohnte Gefühl schnell wieder weg. Denn wenn das so bleibt, ist es mir eigentlich egal, ob ich lebe oder sterbe. Diese Gedanken bombardierten mein Gehirn. Sowas darfst du nicht denken!!! Warum denke ich das überhaupt? Keine Ahnung. Eigentlich auch egal. Und eigentlich kann man auch nicht mehr wirklich von Ge(fühlen) sprechen, denn eigentlich fühle ich gar nichts mehr. (Dieses gar nichts mehr fühlen, fand ich später in einem Buch meiner Therapeutin wieder. Vielleicht hab ich das auch schon mal geschrieben? Dann sorry für die Wiederholung).

Endlich Feierabend. Ich fahre, wie jeden Freitag, mit meiner Oma einkaufen. Gott sei dank. Bloß nicht allein zuhause sein. Wer oder was soll mich da dann noch davon abhalten, mir nen Strick zu nehmen? Wahnsinnige Angst, mir könnte alles entgleisen und ich könnte tatsächlich irgendwelchen Mist bauen. Also ab mit Oma in den Jibi. Routineeinkauf. Jeden Freitag, seit Opa tot ist, also seit mittlerweile sechs Jahren. Anschließend noch ein paar Runden Rummikub. Oma ist cool, Oma hat immer Bier im Haus und ich hielt es für eine Gute Idee, es mal mit einem therapeutischen Bier versuche. Halben Liter Weizen, zack, runter damit. Und tatsächlich, die Symptome wurden schwächer. Ich wurde lockerer und entspannter. Die Angst wich zumindest ein Stück zur Seite. Ab diesem Freitag wurden meine Schlafprobleme wieder schlimmer und gipfelten in der bereits beschriebenen Situation. Keine Nacht mehr durchschlafen, keine Nacht mehr als 3 o. 4 Stunden Schlaf.

Ungefähr 6 Wochen ging das so weiter. Irgendwie Überlebenskampf. Mittlerweile hatte ich einen neuen Therapeuten gefunden. Der machte mir auch nen ganz soliden Eindruck. Aber auch ihm konnte ich nicht die volle Wahrheit meiner Gedankenwelt sagen. Andeutungen ja. Ich spielte die Depressionen in den Vordergrund, die Zwangsgedanken behielt ich lieber für mich. Er stocherte in meiner Kindheit, meiner Schulzeit, meinem Berufsleben, meiner Beziehung. Sämtliche Klassiker halt. Kindheit soweit ok, Scheidungskind ja, aber keine prügelnden Eltern, kein sexueller Missbrauch. Beziehung alles gut. Beruflich, klagen auf hohem Niveau. Kein Mobbingopfer etc. Noch nicht mal ne Drogengeschichte konnte ich ihm anbieten. Es gibt keine. Nein, nicht mal gekifft.

Um es abzukürzen, ich war irgendwann am Ende. Jedenfalls fast. Ein Mittwochmorgen war es, an dem ich zu der Erkenntnis kam, ich muss JETZT sofort handeln, da ich sonst keine Kraft mehr hätte. Keine Kraft mehr um mich dieser Leere entgegenzustemmen und eigentlich gar nicht zu wissen, wofür überhaupt.

Was dann kam, passierte irgendwie automatisch, wie im Film. Ich meldete mich auf der Arbeit krank. „Ich melde mich später nochmal.“ Meiner Freundin sagte ich, dass ich jetzt nach (…) fahre und mich selbst einweise. Sie gab mir zu verstehen, dass sie das ebenfalls für den richtigen Schritt hielt (und sie kommt hier im Blog bisher viel zu kurz). Paar Sachen in den Rucksack gestopft und los ging die wilde Fahrt. Wie gesagt, wie im Film. Direkt zur Notaufnahme. Klingeln. Warten. „Ja was haben sie denn?“ Ja was hab ich denn eigentlich? „Schlimme Depressionen.“ hab ich dann glaube ich gesagt. Formular ausgefüllt. Warten. Ins nächste Zimmer. Aufnahmebogen ausgefüllt. Warten. (Dann kam nen Typ zur Notaufnahme gestürmt, der sich offensichtlich übel in die Hand gesägt hatte. Jedenfalls war da ne Menge Blut. DER hat Probleme) Dann war ich dran mit Blutabnehmen. Warten. Eine Ärztin der psychiatrischen Abteilung kam dann irgendwann rein und stellte mir Fragen. Suizidgedanken? Was sage ich jetzt? „Ja nein, nicht so richtig. Aber vielleicht bald.?!“ Ich war jetzt nicht so scharf auf die Geschlossene (ich hatte bis dahin allerdings auch ein völlig falsches Bild der Psychiatrie). „Können Sie uns versichern, dass sie sich bei uns nichts antun?“ „Ja, ich denke schon.“. „Ok, dann Station 2a.“ Alles klar, ich wurde von einer Schwester hochgebracht. Zimmer ist noch nicht fertig. Warten auf dem Flur. Da schlurft ein Typ an mir vorbei, bei dem ich dachte „bitte bloß nicht mit dem auf einem Zimmer“. Dreimal dürft ihr raten. Er war mein Bettnachbar. 🙂 Allerdings war der erste Eindruck schlimmer als es wirklich war. Schlimm war eigentlich nur sein extremes Schnarchen. Ein Typ mit Schlafstörung in einem Zimmer mit einem Extremschnarcher. Fast schon wieder lustig. Nach einer Stunde Warten auf dem Flur konnte ich dann mein Zimmer beziehen. 4-Mann Zimmer. Egal, ich war hier. Ich hab es wirklich gemacht. Ich fühlte direkt wieder etwas. Erleichterung. Jetzt kann es nur noch besser werden. Und ja, es wurde besser.

Willkommen in der Praxis Dr. Hasenbein

Meine Freundin reagierte sehr verständnisvoll. Wir kamen gemeinsam zu dem Entschluss, dass ich zunächst mal meinen Hausarzt aufsuchen sollte. Gesagt, getan, und nach einer Sprechzeit von geschätzten 2 1/2 Minuten, drückte er mir drei DIN A4 Seiten mit Kontaktadressen von Psychotherapeuten in der Nähe in die Hand. Da ich in einer relativ kleinen Stadt mit <50.000 Einwohnern lebe, kam mir diese Menge von Seelenklempnern im ersten Moment enorm hoch vor. Nachdem ich dann die erste Seite abtelefoniert hatte und mir entweder, wie bei den meisten Nummern, ein AB mehr oder weniger freundlich die 15-minütigen Sprechzeiten zwecks Terminanfrage mitteilte, oder, wenn ich mal mit einem echten Menschen sprechen durfte, von Wartezeiten zwischen 6 Monaten und 2 Jahren erfuhr, kam ich zu der Erkenntnis, dass doch ganz offensichtlich eine ganze Menge Menschen psychotherapeutischen Beistand benötigen.

Am selben Abend rief mich dann tatsächlich noch ein gewisser Dr. Hasenbein (Name geändert) zurück. Dieser hatte kurzfristig einen Therapieplatz frei und ich bekam für die nächste Woche einen Termin. Als ich dann auf dem Weg dorthin war, war ich doch irgendwie nervös. Was sollte ich ihm sagen? Und vor allem, was besser nicht? Nach wie vor war ich der festen Meinung, langsam aber sicher zum geisteskranken Psychopathen zu mutieren. Wenn er von meinen, mich quälenden Gedanken hört, lässt er mich sicher direkt abholen. Nun ja, er öffnete die Tür und vor mir stand plötzlich Helge Schneider persönlich. Wirklich, es hätte sein Bruder sein können. Dieser Umstand und die Tatsache, dass ich nach kurzer Zeit das Gefühl hatte, der Mann hätte selber nicht mehr alle Latten am Zaun, führte dazu, dass ich unsere Zusammenarbeit nach dem 3. Vorgespräch abbrach.

In den folgenden Wochen fühlte ich mich eigentlich ziemlich gut. Die depressiven Phasen  und auch die Gedankenfreakshow hielten sich einigermaßen in Grenzen. Besonders gut funktionierte es in Kombination mit ein paar Flaschen Bier. Ich war wirklich zuversichtlich, dass ich „über den Berg“ wäre und es von nun an wieder „normal“ wird. Bis mir eines Tages mein ungeliebter schwarzer Hund (den Vergleich habe ich von meiner Therapeutin. Ich komme später noch darauf zurück) mit voller Wucht, ohne Vorwarnung in die Eier biss und mir zeigte, wer hier das sagen hat.